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20. Dez 2017

Die Rechtsprechung zur Herstellerhaftung im Abgasskandal

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In den Jahren 2016 und 2017 sind im Zuge des Abgasskandals eine Reihe von Urteilen zur deliktischen Haftung des Herstellers – neben zahlreichen Urteilen zu Gewährleistungsansprüchen gegen die Verkäufer – ergangen. Die unterschiedliche Entscheidungspraxis wird infolge einer Durchsicht der veröffentlichten Urteile zur Herstellerhaftung im Abgasskandal hier dargestellt.

Als erstes Gericht wies das Landgericht Ellwangen (Urteil v. 10.6.2016 – 5 O 385/15) eine Klage gegen die Volkswagen AG als Fahrzeugherstellerin wegen des Einbaus einer Abschalteinrichtung ab. Ein Schadensersatzanspruch aus § 826 BGB wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung bestehe nicht, da ein Verstoß gegen die Verordnung (EG) Nr. 715/2007 als einfacher Gesetzesverstoß noch kein sittenwidriges Verhalten darstelle, die Verordnung nur dem Umweltschutz diene und im Falle einer Haftung nach § 826 BGB die vertragliche Risikozuweisung unterlaufen werde. Das Landgericht Köln (Urteil v. 7.10.2016 – 7 O 138/16) begründete die Klageabweisung damit, dass die Haftung aus § 826 BGB nach Maßgabe des Schutzzwecks der verletzten Norm beschränkt sei und die Verordnung, gegen die verstoßen wurde, die individuellen Vermögensinteressen der Käufer von Fahrzeugen mit einer Abschalteinrichtung nicht schütze.

Das Landgericht Braunschweig, bei dem zahlreiche Klagen gegen die VW AG als Herstellerin der Fahrzeuge oder der in Fahrzeuge anderer Hersteller eingebauten Motoren anhängig wurden, schloss sich dem an und ergänzte, dass ein sittenwidriges Verhalten nach § 826 BGB auch nicht in dem Verschweigen der Abschalteinrichtung bestehe, da es keine Aufklärungspflicht des Herstellers gebe. Ein Anspruch wegen Betrugs nach § 823 Abs. 2 BGB i. V. m. § 263 Abs. 1 StGB bestehe nicht, da der Hersteller keine Garantenstellung gem. § 13 Abs. 1 StGB gegenüber den Kunden habe (Landgericht Braunschweig, Urteil v. 25.4.2017 –11 O 3993/16; Urteil v. 19.5.2017 ­– 11 O 4093/16; zuletzt Urteil v. 6.12.2017 – 3 O 589/17).

Neben dem Landgericht Ellwangen, dem Landgericht Köln und dem Landgericht Braunschweig lehnten weitere Landgerichte eine Haftung des Herstellers im Falle des Einbaus einer Abschalteinrichtung ab, da ein deliktischer Haftungstatbestand nicht verwirklicht sei.

LG München II, 15.11.2016 – 12 O 1482/16; LG Koblenz, 23.12.2016 –15 O 25/16; LG Frankenthal, 11.5.2017 – 5 O 41/16; LG Ansbach, 2.6.2017 – 2 O 1074/16; LG Stralsund, 7.6.2017 –7 O 107/16; LG Hagen (Westf.), 16.6.2017 – 8 O 218/16; LG Itzehoe, 27.7.2017 – 7 O 42/17

Andere Landgerichte haben nach einem ersten Urteil des Landgerichts Hildesheim (Urteil vom 17.1.2017 – 3 O 139/16, s. hierzu im Blog) eine Haftung des Herstellers bejaht. In den meisten Fällen nehmen diese Gerichte eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung nach §§ 826, 31 BGB aufgrund des Inverkehrbringens der Fahrzeuge oder Motoren und Verschweigens des Einsatzes der Motorsteuerungssoftware an. Die Zurechnung des Verhaltens der Organe nach § 31 BGB wird zumeist mit einer sekundären Darlegungslast der Beklagten begründet, da die Kläger keinen Einblick in die unternehmensinternen Entscheidungsabläufe hätten.

LG Karlsruhe, 22.3.2017 – 4 O 118/16; LG Kleve, 31.3.2017 – 3 O 252/16; LG Paderborn, 7.4.2017 – 2 O 118/16; LG Osnabrück, 9.5.2017 – 5 O 1198/16: 28.6.2017 – 1 O 29/17 und 28.6.2017 – 5 O 2341/16; LG Offenburg, 12.5.2017 – 6 O 119/16; LG Mönchengladbach, 11.7.2017 – 1 O 320/16; LG Dortmund, 6.6.2017 – 12 O 228/16; LG Saarbrücken, 7.6.2017 – 12 O 174/16 und 14.6.2017 – 12 O 104/16; LG Arnsberg, 14.6.2017 – 1 O 227/16 und 1 O 25/17; LG Münster, 28.6.2017 – 2 O 165/16, 02 O 165/16; LG Krefeld, 19.7.2017 – 7 O 147/16; 12.7.2017 – 7 O 159/16 und 04.10.2017 – 2 O 19/17; LG Frankfurt (Oder), 17.7.2017 – 13 O 174/16; LG Köln, 18.7.2017 – 22 O 59/17; LG Mainz, 27.7.2017 – 4 O 196/16; LG Essen, 28.8.2017 – 4 O 114/17 und 04.09.2017 – 16 O 245/16; LG Bielefeld, 16.10.2017 – 6 O 149/16

Von manchen Landgerichten wird alternativ oder zusätzlich eine Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB i. V. m. § 263 StGB angenommen.

LG Krefeld, 12.7.2017 – 7 O 159/16 und 19.7.2017 – 7 O 147/16; LG Köln, 18.7.2017 – 22 O 59/17; LG Mönchengladbach, 1.6.2017 – 10 O 84/16; LG Nürnberg-Fürth, 27.4.2017 – 8 O 6196/16; 27.4.2017 – 8 O 3707/16; 27.4.2017 – 8 O 5990/16; 27.4.2017 – 8 O 6120/16 ; 27.4.2017 – 9 O 3631/16; 27.4.2017 – 9 O 7324/16; 27.4.2017 – 8 O 2404/16; LG Bayreuth, 23.10.2017 – 23 O 227/17

Relevant könnte diese Rechtsprechung zukünftig auch deswegen werden, weil die deliktischen Ansprüche der Kunden erst drei Jahre nach Kenntniserlangung von den anspruchsbegründenden Umständen (§§ 195, 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB) und somit zum 31.12.2018 verjähren.

Über Elisabeth Krausbeck

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